Ein Praktikum in Kampala, Uganda

Geschrieben von "Redaktion" am 20. Dezember 2009 | Abgelegt unter Praktikum

Marie Peterle
mpausd@web.de
Studiengang Soziale Arbeit BA
NGO in Kampala, Uganda
29.7. – 10.10.2009

 

Kampala

Kampala, 1,8 Millionen Menschen offiziell– die Einheimischen denken, es sind um die 5 Millionen, so genau weiß das niemand. Eine immerwährende Schicht aus Staub und Abgasen liegt über der Stadt. In den Straßen der Stadt Menschen, Fahrräder, Autos, Taxis, Matatus (kleine Busse), Bordas (Motorrad Taxis) – Verkehr? Nein, es ist ein Kampf – wer stehen bleibt hat verloren. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Wer nachgib, hat hier nichts zu suchen, er würde einfach nicht vorankommen. Das gilt für Autos genauso wie für den Fußverkehr. Zwischendrin tausende Menschen, die versuchen, ihr Geschäft zu machen. Sei es mit Schmuck, Telefonkarten, Früchten oder einfach nur Toilettenpapier. Als Europäerin bin ich hier natürlich besonders beliebt. „Mzungu“ (Weißer)– das ist ab sofort mein neuer Name.

Uganda

Uganda

„Mzungu how are you?“, „Oh you’re so beautiful!“, „Mzungu I love you!” Menschen die mich an den Armen und Händen festhalten, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen, mir etwas zu verkaufen. – Vielleicht gibt mir das weiße, reiche Mädchen ja etwas Geld, vielleicht kauft sie mir ein Ticket nach Europa, dann bin ich auch reich – einen Versuch ist es wert. – „Mzungu whats your name?“, „Where you from?“, „Eh america!“, “Oh Mzungu I wanna take you home tonight…“, „I wanna marry you!“ Hier durchzulaufen und rechtzeitig zur Arbeit zu kommen erfordert Übung.

Uganda 1

Die Einrichtung „Kids in Need“

Mein Weg zur Arbeit, jeden Tag drängeln sich hier tausende von Menschen und Bussen. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Beim Erreichen meines Arbeitsplatzes bin ich bereits klebrig und verschwitzt. Schon vor Betreten des Tors werde ich von zahlreichen Nachbarskindern empfangen, die sich an mich hängen und „Mzungu, Mzungu!“ rufen. Die Einrichtung „Kids in Need“ liegt in Kisenyi, dem ältesten Slum Kampalas. Jeden Morgen bin ich gespannt, was mich erwartet. Die Kinder wechseln hier sehr häufig, so dass ich mir nie sicher sein kann, wen ich vorfinden werde. Normalerweise sind es um die vierzig Jungen, die im Projekt wohnen. Das Ziel der Organisation „Kids in Need“ (KIN) ist es, die Kinder von der Straße zu holen, ihnen ein geregeltes Leben und Bildung zu bieten, sie zu resozialisieren und wieder zurück in die Gesellschaft zu integrieren. Tatsache ist, dass die Kinder, abgesehen von einer Mahlzeit am Tag, nicht besonders viel bekommen. Der so genannte Unterricht wird fast ausschließlich von uns Praktikanten durchgeführt. Sowohl die Themen, als auch die Zeiten für die „Class“ sind willkürlich.

Während meiner dreimonatigen Tätigkeit bei KIN musste ich feststellen, dass auch Soziale Arbeit der in Uganda allgemein verbreiteten Korruption und Vetternwirtschaft zum Opfer gefallen ist. Oft ist eine soziale Einrichtung nichts anderes als ein weiteres Mittel, um an Geld zu kommen. Ich hatte das Gefühl, dass die Einrichtung eindeutig überflüssiges Personal hatte. Wozu braucht das Projekt einen Ernährungsberater, wenn die Kinder sowieso nur einmal täglich, jeden Tag die gleiche Mahlzeit bekommen? Wozu Lehrer einstellen, wenn diese nicht unterrichten? Besonders erschreckend empfand ich auch die Arbeitsmoral der Angestellten. Die Arbeit mit den Kindern schien wirklich nur eine Aufgabe für die Praktikanten zu sein. Meine anfängliche Sorge, dass die Arbeit mit Straßenkindern besonders schwierig werden könnte, bestätigte sich nicht. Natürlich waren die Jungen nicht immer ganz einfach, da ihre schlechten Erfahrungen sie geprägt hatten. Viele hatten ihre Eltern verloren, häufig durch HIV. Viele Kinder hatten Angst, selbst infiziert zu sein, konnten sich jedoch keinen Test leisten. Manche der Kinder wurden von zu hause vertrieben, in manchen Fällen hatte die eigene Familie versucht sie umzubringen. Andere mussten mit ansehen, wie ihre Eltern ermordet wurden.

Der Jüngste in unserem Projekt (ca. 6 Jahre) war dabei, als sie seinen Vater an einem Baum aufhingen und ihn unter den Blicken aller Dorfbewohner bei lebendigen Leibe verbrannten. Selbstjustiz der Bevölkerung, sie beherrscht das ganze Land und ist besonders auf den Dörfern immer noch weit verbreitet. Alle Kinder im Projekt kamen irgendwann nach Kampala, um dort Arbeit zu finden, ein besseres Leben zu haben. Die meisten von weit her. In Kampala enden fast alle dieser Kinder auf der Straße. Sie suchen altes Metall und versuchen es zu verkaufen, sie betteln, nehmen Drogen und werden häufig Opfer sexueller Ausbeutung. Diese Kinder haben gelernt, dass Dinge wie Wasser, Bildung aber auch Zuneigung und Liebe nicht selbstverständlich sind. Sie haben gelernt darum zu kämpfen, jeder für sich. Das merke ich bei der Arbeit mit ihnen. Ständig kommen sie, fragen nach Wasser. Fragen, ob ich mit ihnen lerne, hängen sich an mich und suchen Aufmerksamkeit. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, sie zu unterrichten, mit ihnen zu spielen und für sie da zu sein.

uganda

Uganda

Ich bin immer wieder davon beeindruckt wie vorbildlich sie sich meistens trotz ihrer Vorgeschichte verhalten. Die Gehorsamkeit und Hilfsbereitschaft sind sicher Folge der sehr autoritären Erziehung in Uganda. Natürlich versuchen sie auch manchmal zu klauen, besonders mein Wasser verschwindet häufig. Allerdings ist das ganze eher ein Spiel und wenig später taucht es wieder auf, ohne das jemand auch nur einen Schluck daraus getrunken hätte. Trotzdem, meine Wertsachen bewahre ich in meiner Gürteltasche auf. Bei manchen Kindern sind Verhaltensstörungen zu bemerken. Es gibt Jungen, bei denen habe ich den Eindruck, als hätten sie nie gelernt, wie man gefühlvoll miteinander umgeht. Selbst wenn sie Nähe suchen, können sie das nur auf sehr grobe Art und Weise tun. Besonders erschreckend finde ich auch immer wieder den Umgang der Kinder mit den Tieren. Die Kinder bewerfen die Hunde mit Steinen und treten sie. Eines Tages bekamen wir eine kleine Katze. Am nächsten Tag war ihr Genick gebrochen, ihr Kopf hing ab diesem Tag nur noch schräg und sie fiel ständig um. Die Kinder waren auf sie drauf gesprungen.

uganda 3

Uganda

Die Kinder, sie sind der einzige Grund, warum ich in diesem Projekt bleibe. Am Anfang hatte ich mir überlegt, das Projekt zu wechseln, weil ich mit vielen Dingen nicht einverstanden war. Aber ich konnte es nicht, die Kinder waren mir bereits nach einer Woche so sehr ans Herz gewachsen, ich konnte sie nicht im Stich lassen. Und nun nach drei Monaten werde ich gehen müssen. Ich will es nicht. Es tut mir weh, weil ich weiß, wie wichtig ich für sie geworden bin. Sie vertrauen mir und nun werde ich, wie schon so viele vor mir, einfach verschwinden. Sie wieder alleine lassen. Ich fühle mich schuldig. Alle dieser Kinder haben es verdient, jemanden zu haben, der immer für sie da ist und dem sie vertrauen können. Aber so jemanden gibt es nicht. Die Praktikanten wechseln ständig und den Mitarbeitern kann man schwer vertrauen, wenn diese generell eher Interesse für Geld als für ihre Schützlinge zeigen und auch nicht davor scheuen den altbewährten Rohrstock einzusetzen.

Heimweg

Mein Heimweg führt mich täglich an „Owino“, dem größten Markt in Kampala vorbei. Owino, dass sind tausende von Ständen mit Sonnenschirmen und Planen, teilweise mit Wellblech überdachte Stände, die im Laufe der Zeit zusammengewachsen sind. Tausende von Menschen, die vom Huhn bis zum Fernseher alles verkaufen, was gebraucht wird. Meine anfängliche Angst vor dem riesigen Chaos auf diesem Markt, vor den Menschenmassen, die sich durch die engen Gänge schieben, davor, nie wieder aus diesem Gewirr herauszufinden, und den Rufen und dem Festhalten der Verkäufer nicht entkommen zu können, hatte sich bereits nach wenigen Tagen in ein riesiges Shoppingfieber gewandelt. Nach einem von Neugier getriebenen vorsichtigen Herantasten an das Chaos entdeckte ich die Faszination der unglaublichen Vielfalt und der unglaublich günstigen Preise. Ich bemerkte schnell, dass hier ein Großteil der Altkleiderspende, besonders aus England, ihr Ziel findet. Dies fand ich sehr interessant und fand heraus, dass der Handel mit den Kleiderspenden aus Europa ein riesiges Geschäft ist und sehr viel Geld damit gemacht wird. Ich entdeckte den größten Second Hand Sale aller Zeiten. Alles von H&M, über Roxy bis D&C war hier zu finden. Und alles zwischen Preisen von 0,30€ bis maximal 5€. Dem zu widerstehen war für mich sehr schwer und so begann ich, mich täglich ins Chaos von Owino zu stürzen.

Nach Owino ist mein nächstes Ziel der neben an gelegen Old Taxi Park. Dies ist das Herz der Stadt und von hier aus starten die meisten Matatus ihre Routen wie Spinnenarme in die umliegenden Dörfer und kleinen Städte. Auch hier herrscht viel Gedränge, auf den ersten Blick scheint der Taxipark chaotisch und unstrukturiert. Dieser Eindruck täuscht jedoch, denn wäre nicht alles hier durchdacht, würde nichts funktionieren. Meiner Meinung nach ist es eine große Leistung, so viele Busse auf so kleiner Fläche zu organisieren.

uganda 4

Uganda

Old Taxipark, von hieraus starten die meisten Matatus ihre Routen wie Spinnenarme in die umliegenden Dörfer und kleinen Städte.

Mein Matatu nach Kirombe Estate habe ich schnell gefunden. Nun sitze ich und warte, dass auch der letzte Platz besetzt wird, so dass wir endlich los fahren können. Über meinen Kopf hängen die Drähte einer Lampe und kratzen mich bei jedem kleinen Ruck. Um mich herum der Geruch verschwitzter Menschen, den gibt es hier immer und überall, glücklicherweise gewöhne ich mich auch daran recht schnell. Vor mir eine Frau mit zwei Hühnern. Alles was hier rein passt, kommt mit. Um aus dem Taxipark heraus zu kommen, gilt wieder einmal: wer schneller und stärker ist, gewinnt. So ist es nicht verwunderlich, das bei dem Gerangel zwischen den Matatus häufig Seitenspiegel fliegen oder kleinere Blechschäden verursacht werden. An meinem Fenster, wie sollte es anders sein, Verkäufer. Wasser, Schmuck, G-nuts, Airtime….. selbst während wir im Stau stehen, können wir einkaufen.

Ich bin jeden Tag froh wenn ich zu Hause in Nsambia ankomme. Endlich Ruhe. Hier oben ist alles viel entspannter, weniger Menschen und Verkehr. Nur ein paar kleine staubige Straßen, mit kleinen Gemüseständen an den Rändern. Hier kaufe ich jeden Tag ein, den Supermarkt in der Stadt nutze ich fast nie. Ich mag die lokalen Gerichte und unterstütze lieber meine Nachbarn, als eine riesige Supermarktkette. Außer mir leben auch noch andere Praktikanten aus Deutschland, sowie zwei Askaris (Wachmänner) mit im Haus. Manchmal kochen oder unternehmen wir etwas zusammen.

Nightlife

Das Nachtleben in Kampala ist einzigartig. Es gibt immer etwas zu tun. Ob Nachclubs, Rastaman Reggea Bars, oder Live Musik, hier findet jeder etwas Passendes. Wir tanzen die ganze Nacht, zwischendurch immer wieder Männer, die versuchen unsere Aufmerksamkeit zu erringen. Das Schwierige ist, das man hier lernen muss, Menschen zu ignorieren. Es ist nicht möglich, auf jeden einzugehen, da man täglich von hunderten Menschen angesprochen wird. Außerdem geht es den meisten darum, dass man weiß und somit reich ist. Freunde aus den unteren Schichten der Bevölkerung zu finden ist deshalb schwierig. Generell sollte man hier vorsichtig sein, ich verrate niemanden meine Telefonnummer oder den Stadtteil, in dem ich wohne, wenn ich nicht sicher weiß, dass die Person „in Ordnung“ ist. Wir tanzen die ganze Nacht, ich genieße es, denn ich fühle mich frei und vergesse alles um mich herum.

Nach der Heimfahrt auf dem Borda Borda kräht bereits der Hahn der Nachbarn.

Fünf Uhr morgens, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die orangefarbenen, staubigen Straßen berühren, ertönt bereits das Gebet des Muezzin. Ich liebe diesen Ruf, er hat etwas Märchenhaftes, Mystisches und erinnert mich daran, dass ich weit weg von Deutschland bin. Ich drehe mich in meinem Bett um und schlafe zufrieden ein – oh Kampala.

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben