Studiensemester an der Jagiellonen-Universität in Krakau

Joanna Dywan
BA Soziale Arbeit
Krakau/Polen
WS 2012/2013
Auslandssemester



Ich bin Studentin der Sozialen Arbeit im 2. Studienjahr an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Der Kontakt zu meiner Gasthochschule, der Jagiellonen-Universität in Krakau (Polen), wurde vom Erasmus-Büro der FH Frankfurt durch die zuständige Mitarbeiterin, Frau Widemann, hergestellt. Sie gab mir zum Anfang meiner Bewerbung Broschüren zum Erasmus-Programm und klärte mich über den weiteren Verlauf der Bewerbung und wichtige Fristen auf. Frau Widemann versorgte mich in regelmäßigen Abständen per E-Mail mit wichtigen Informationen, Dokumenten und lud mich einige Wochen vor meiner Abreise zu einer Informations-Veranstaltung für alle Erasmus-Studenten, einem sogenannten Outgoer-Treffen, ein. Auf diese Weise habe ich umfassende Informationen zum Umfang sowie zum Ablauf meines Auslandsaufenthaltes und die mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erhalten.

Krakau verzaubert

Krakau verzaubert


Das Erasmus-Büro hat mir zum Beispiel auch einen kostenlosen EILC-Intensivsprachkurs im Gastland vermittelt und den Erstkontakt zu den Organisatoren vor Ort hergestellt. Zusätzlich habe ich Informationen zu einem weiterführenden Sprachkurs an der Gasthochschule in Krakau erhalten. Über das Erasmus-Büro konnte ich mich auch unproblematisch für einen Studentenwohnheimplatz in Krakau bewerben. Die Erasmus-Koordinatorin meiner Fachhochschule, Prof. Dr. Ute Straub, hat mit mir zusammen vor meiner Abreise ein vorläufiges Learning Agreement zusammengestellt und mich zur Anrechnung der Kurse beraten. Zu der Anreise sowie zu weiteren Wohnangeboten habe ich keine Informationen eingeholt, da ich mich zuvor bereits ausführlich im Internet informiert hatte.


Vor meiner Abreise habe ich von Frau Widemann auch die E-Mail-Adresse des Krakauer Erasmus-Koordinatoren Krzysztof Byrski erhalten, der mir für weitere Fragen als Ansprechpartner vor Ort über den gesamten Zeitraum meines Aufenthaltes zur Verfügung stand. Leider mangelt es in Krakau an Studentenwohnheimplätzen und obwohl ich mich rechtzeitig für einen Platz beworben hatte, kriegte ich einige Wochen vor meiner Abreise eine Absage. Da ich zusammen mit meinem Freund den Auslandsaufenthalt geplant und umgesetzt habe, hatten wir finanziell die Möglichkeit ein gemeinsames Zimmer in einem Hostel zu mieten.


Zu Beginn des Semesters wurde uns über den DAAD ein kostenloser EILC-Sprachkurs angeboten und wir haben uns für den Anfängerkurs in Danzig entschieden und das Angebot dankend angenommen. So haben wir uns also schon Ende August 2012 mit einem PKW auf den Weg nach Danzig gemacht und dort einen Bungalow auf einem Campingplatz bezogen, da die angebotenen Zimmer im Studentenwohnheim sehr teuer und für uns unbezahlbar waren. Der Sprachkurs war recht arbeitsintensiv, hat jedoch auch großen Spaß gemacht. Der Kurs fand vom 23.08.2012 bis zum 19.09.2012 statt. Da die Einführungswoche in Krakau bereits in der letzten Septemberwoche stattfinden sollte, haben wir Danzig nach dem Ende des Kurses sofort verlassen. Die Information zum Beginn der Einführungswoche haben wir leider erst am 18.09.2012, also wenige Tage vorher, erhalten.


In Krakau angekommen, haben wir mit mäßigem Erfolg versucht an der Einführungswoche teilzunehmen, die vom lokalen ESN-Büro organisiert wurde. Da die Gasthochschule jedes Semester ca. 600 neue Erasmus-Studenten aufnimmt, war es nicht einfach, einen freien Platz für die eine oder andere Veranstaltung zu ergattern. Die meisten Veranstaltungen waren bereits ausgebucht oder fanden aufgrund spontan auftretender organisatorischer Probleme nicht statt. Das ESN-Büro hat während des gesamten Semesters die Betreuung der Erasmus-Studenten vor Ort übernommen, sie haben während der Einführungswoche und auch im weiteren Verlauf diverse Treffen, Stadtführungen und Partys organisiert.


Der Erasmus-Koordinator Krzysztof Byrski hat sich, soweit es ihm möglich war, um unsere fachliche und organisatorische Betreuung gekümmert. Er hat uns unseren Zugang zum Studienaccount gegeben und uns mit dem Anmeldeverfahren vertraut gemacht. Ich habe als erste Konsequenz meinen Veranstaltungsplan neu zusammengestellt, da wir vor Ort weitere Informationen zu den für Erasmus-Studenten angebotenen Vorlesungen und Seminaren erhalten haben. Sämtliche Veranstaltungen wurden in englischer Sprache gehalten, so dass ich keine Probleme hatte, den Dozenten zu folgen. Nach zwei Wochen habe ich meine Kurswahl getroffen und ein neues Learning Agreement an die FH Frankfurt geschickt, um es von der Erasmus-Koordinatorin, Frau Straub, absegnen zu lassen.


Am Anfang habe ich, da ich in Polen geboren bin und mich auf polnisch relativ gut verständigen kann, versucht über angebotene Veranstaltungen in polnischer Sprache Kontakt zu polnischen Studenten aufzunehmen. Leider gestaltete sich dies schwieriger als gedacht, was möglicherweise auch an meinem Alter und dem nicht zu unterschätzenden Problem einer akuten Schüchternheit meinerseits liegt. Ich bin bereits 30 Jahre alt und die meisten polnischen Studenten waren zum Zeitpunkt des Kennenlernens Anfang 20, so dass die Altersbarriere den Kontakt nicht gerade erleichtert hat.


In manchen Kursen, in die ich gegangen bin, war ich die einzige Erasmus-Studentin und wurde nicht nur neugierig sondern auch eher skeptisch beäugt, zumindest hatte ich nicht wirklich das Gefühl, dass die polnischen Studenten auf einen weiteren Kontakt Wert gelegt haben, sie waren oft sehr distanziert. Jedoch habe ich, auch wenn es mir am Anfang nicht gelungen ist, über die Zeit 2-3 sehr nette und aufgeschlossene polnische Studenten kennengelernt. Da der Campus über die gesamte Stadt verstreut liegt, hat ein auf einen Ort konzentriertes Campusleben nie stattgefunden. Es gab viele Erasmus-Partys und viele ESN-Veranstaltungen, an denen jedoch eigentlich nur Erasmus-Studenten teilgenommen haben.


Finanziell war das Auslandssemester ein kleines Desaster. Was jedoch auch daran liegt, dass ich ein privates Studentendarlehen aufgenommen und mein Erasmus-Geld nur gestückelt und teilweise viel zu spät erhalten habe. Auch das Geld für die Zeit des EILC-Kurses wurde mir erst hinterher ausgezahlt. Es handelte sich um 200 Euro für fast vier Wochen Sprachkurs, was wirklich sehr wenig ist. So musste ich im Verlauf des Semesters meine Kreditkarte belasten und es kamen Zinsen auf, die mir niemand erstatten kann. Insgesamt habe ich mich ordentlich verschuldet. Ich habe insgesamt ca. 4000 Euro ausgegeben (inkl. Sprachkurse, Anreise, Veranstaltungen, Einlagerung meiner Sachen in Deutschland etc.). Die Lebenshaltungskosten vor Ort sind teilweise niedriger als in Deutschland, Unterkunft und Verpflegung sind in jedem Fall günstiger, so dass ich daran wenigstens etwas sparen konnte. Monatlich musste ich für das alltägliche Leben ca. 600 Euro aufbringen.


Mein Alltag verlief in weiten Teilen sehr entspannt, meine Uniwoche bestand aus drei Vorlesungen und Seminaren sowie zwei Abenden, an denen ich meinen Sprachkurs hatte. Nebenher habe ich viel Besuch gehabt, die Stadt erforscht, Sport getrieben (Schwimmen, Fitness, Klettern etc.), bin ins Kino und auf Konzerte gegangen und habe einige wenige Feierlichkeiten aufgesucht. Zu den schönsten Erfahrungen meiner Zeit in Krakau gehörten die zahlreichen Besuche in meinem Lieblings-Jazzclub, dem Piec Art Acoustic Jazz Club, die Abende in meiner Lieblingskneipe “Nowa Prowincja” und die Spaziergänge mit meinem Freund durch das winterliche Krakau. Neben der vielen Freizeit musste ich regelmäßig englische Fachlektüre lesen oder Polnisch lernen, um Leistungsprüfungen abzulegen. Ich habe trotzdem genug Zeit gehabt, um die kulturellen Angebote vor Ort wahrzunehmen.


Mein Auslandsstudium hat mir trotz der vielen organisatorischen Hindernisse, der finanziellen Belastung und der teilweise recht schwieriger Prüfungen wirklich gut gefallen. Da ich in Polen geboren bin, habe ich vor allem mein Heimatland als Erwachsene kennenlernen wollen, um für mich wichtige Fragen klären zu können. Ich wollte wissen ob ich, in Deutschland sozialisiert, mich in Polen als Fremde, als Ausländerin fühlen werde. Ich wollte erforschen, ob ich den Einheimischen ähnlich bin und Charakterzüge teile. Ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, welcher Nationalität ich wirklich angehöre, was mich zu einer Deutschen/zu einer Polin macht.


Ich habe während meines Auslandsaufenthaltes relativ schnell für mich klären können, dass ich mich den Polen nicht zugehörig fühle und dies auch wirklich in Ordnung ist. Das war eine erleichternde aber auch sehr schmerzhafte Erfahrung sich in seinem Geburtsland völlig fremd zu fühlen. Ich bin Deutsche und musste erst nach Polen auswandern, um dies zu lernen. Sprachlich hat mir der Aufenthalt viel gebracht, mein Englisch konnte ich zwar nicht verbessern, jedoch hat mein Polnisch von dem Intensivkurs in Danzig und dem Sprachkurs in Krakau sehr profitiert. Mit einer sehr stolzen Note habe ich den Kurs abgeschlossen und bereue die Investition von 150 Euro für den Sprachkurs in Krakau nicht im Geringsten. Ich kann mich seither auch besser mit meiner Mutter auf polnisch unterhalten.


Fachlich habe ich viele interessante Dinge gelernt, weniger als ich erwartet hatte, jedoch lag mein Fokus während des Erasmus-Aufenthaltes auch eher selten auf den fachlichen Inhalten, so dass ich mit den gewonnenen Informationen ganz zufrieden sein kann. Ich habe als Studentin der Sozialen Arbeit ein paar sehr interessante Psychologiekurse belegen können. Von den Soziologiekursen war ich weniger begeistert. Ein wirklich sehr guter Kurs zum polnischen Strafrecht war bei der allgemeinen Auswahl am Rechtsinstitut auch dabei. Durch die unterschiedlichen Kurse an der Fakultät für Psychologie und Recht konnte ich viel über den Umgang der Polnischen Öffentlichkeit mit Straftätern, psychisch Kranken und Behinderten lernen, Vergleiche zu meinem Heimatland ziehen und weiß deutsche Institutionen und Behörden jetzt mehr zu schätzen.


Ich habe auch abseits der Seminare und Vorlesungen viel über das polnische Sozial-, Bildungs- sowie Rentensystem gelernt und kann mich nach dieser Erfahrung noch glücklicher schätzen in Deutschland aufgewachsen zu sein. Das war eine wichtige persönliche Lektion. Nicht zuletzt muss ich Folgendes unbedingt anfügen: Krakau ist eine wunderschöne und sehr außergewöhnliche Stadt, einen längeren Auslandsaufenthalt in dieser sehr historischen, romantischen und modernen Metropole und Kulturhauptstadt Polens würde ich jedem sofort wärmstens ans Herz legen, vielleicht nicht unbedingt im Rahmen eines Erasmus-Semesters. Krakau verzaubert.

Nowa Prowincja

Nowa Prowincja

Piec Art Acoustic Jazz Club

Piec Art Acoustic Jazz Club